Bettinas' Nachbetrachtung Rietveld Mobility Ruhr

Kann das sein? Etwas befremdlich hängt eine Pferdehufe an der Wand neben einem Zopf Pferdehaar. Ist das echt? Was macht es zur Kunst? Die Geschichte dahinter ist Sicherlich abenteuerlich. Das Thema der Rietveld Akademie Residenz in Gelsenkirchen „Mobilität“. Auf Pferdehufen wurde Industrialisierung betrieben und Pferde wurden nach und nach von ihren Aufgaben befreit. Jetzt wird es in diesem Kunstwerk noch einmal vor Augen geführt.

Eine Woche lang haben rund 25 Studierende der Bildenden Künste und des Design Lab Zeit ihre Konzepte und Ideen zu entwickeln. Für mache war es Teil ihrer Abschlussarbeit, und das macht neugierig. Offenbar hat sich eine Teilnehmerin, die bereits letztes Jahr an „Bochumer Straße Spricht“ teilgenommen hat, zu Fuß auf den Weg von Amsterdam nach Gelsenkirchen gemacht. Eine weitere Teilnehmerin beschäftigt sich mit den Frequenzen des Lichts und hält die Farben auf Film fest -  Endstation und Ursprung des Farbenspiels auf der Leinwand.

Diese Woche gibt es Haltestellen auf dem Halfmannshof, aber ohne Bus. Da warte ich vergeblich. Wenn kein Bus angerauscht kommt, was ist dann der Nutzen? Aus den Oberlichtern des nächsten Hauses qualmt es, riecht aber nicht nach Rauch. Im Haus zieht dichter Nebel durch den Flur und ich begebe mich auf die Knie, um unter dem Dunst nach vorne zu gucken, was mich da erwartet. Nebeldecken vermischen sich als Beine die Luft verwirbeln und suchen danach getrennte Wege nach draußen. Ein Gipfel ragt über Kopf in den sichtbaren Zwischenraum. Wie ist der Berg an die Decke gekommen?

Weg-Zeitdimensionen einer anderen Art offenbarten sich auf dem Weg zum Halfmannshof. Als Abkürzung lief ich durch den Wissenschaftspark und dachte, als ich an einer Eiche vorbeikam frei nach Wilhelm Busch „Da will sich wohl jemand Eichhörnchen angeln“. Duzende hingen Bindfäden hingen sie von Ästen. Eicheln natürlich. Während ich hinaufsah machte es leise ‚Plöpp‘ und eine Eichel löste sich aus ihrem Hütchen und hüpfte ein kleinen Weg den Fußweg entlang. Die restlichen verharrten stumm in der kühlen Luft, die Entfaltung ihres Lebenszyklus vorrübergehend durch Bindfäden suspendiert. Das muss Kunst sein.

Ist es eigentlich möglich, mit einer in ihrer Mobilität eingeschränkten Maschine Mitleid zu haben? Zwei Künstlerinnen begeben sich auf die Spur der Antwort. In einem Kellerraum wackelt durch eine Unwucht in ihrem Inneren ein Metall-Ei auf der Stelle herum. Der Motor setzt aus, die Steine hören auf zu kreisen und das Ei wippt in immer kleineren Bewegungen zum Stillstand. Besucher scharen sich herum als es repariert wird. Draußen, am Eingang surrt und robbt ein Holzstab durch die Zementbrösel. An ihm befestigt kreist ein gelbes etwas wild um einen Metallstab. Millimeterweise bewegt es sich fort. Es bräuchte eine kleine Unendlichkeit um die Strecke irgendwohin zu überwinden. An einer Seite des Raums Krallt sich eine Wage an die Wand. Angetrieben durch ein Solarmodul soll der Motor das Modul hochhebeln, aber im Keller? Erzeugt das Mitleid oder Unverständnis? Sehen wie es funktioniert würde ich schon gerne, aber rumtüfteln ist ja nicht Sinn der Sache, oder ist damit das Ziel der Übung erreicht?

Während man durch den hellen Co-Working Raum läuft und nach dem höheren Sinn des Kunstwerks sucht und dem Verlauf der Rohre durch die Kästen folgt. Durch die eigene Bewegung durch den Raum wird die Antwort lesbar, die mit dem englischen Wort „MOBILITY“ beschrieben wird. Der eigene Blickwinkel, die eigene körperliche Fortbewegung und gedankliche Sinnsuche führt zum Sinn der Kupferrohre. Aber, bin ich jetzt mit Absicht Teil der Kunstwerke geworden? „Da steck‘ ich nicht drin“ scheint hier als Antwort nicht zu funktionieren. Aber das ist eine Frage für einen anderen Tag. Jetzt lasse ich mir die leckeren Häppchen schmecken und ziehe folgenden Schluss: die Projekte waren einfallsreich und haben Einsichten und Fragen in einer Deutlichkeit erzeugt die mich überrascht hat. Bravo. Das hat mir Spaß gemacht und bleibe gespannt auf nächstes Jahr!

Bettina Pahlen

 

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